The Stranger - Wer bist du wirklich?

von: Saskia Sarginson

Bastei Lübbe AG, 2018

ISBN: 9783732547173 , 410 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 6,99 EUR

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The Stranger - Wer bist du wirklich?


 

Drei


Wann haben Will und ich das letzte Mal miteinander geschlafen? Hätte ich dabei etwas merken müssen, war etwas an seinen Berührungen anders gewesen, was mir hätte verraten müssen, dass er sich mit jemand anderem traf? Und dann begreife ich. Der Hinweis ist, dass ich mich nicht erinnere.

Wir hatten aufgehört, regelmäßig Sex zu haben. Wir hatten es nett, gemütlich. Wir haben gekuschelt. Wir haben das Licht ausgemacht und gegähnt. Er hatte unter der Decke meine Hand gedrückt und »Gute Nacht« gemurmelt, bevor er sich umdrehte und einschlief. Ich hatte mir deshalb keine Gedanken gemacht. Wir waren seit Jahren verheiratet gewesen. Wir waren zufrieden. Unsere Beziehung basierte nicht auf Leidenschaft, nicht einmal zu Anfang. Wir liebten uns. Wir waren Freunde.

Aber es war eine Lüge. Unsere Zufriedenheit. Unsere Freundschaft. William war von unserem Leben gelangweilt gewesen – von mir.

Das Aroma von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen erfüllt den Raum. Sonnenlicht fällt durch die großen Glasfenster herein und fängt den Dampf ein, der von Teetassen aufsteigt. Das Old Dairy riecht wie immer, sieht aus wie immer. Ein freundlicher, heiterer Ort, um zu entspannen und köstliche Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Ich stehe am Tresen und beobachte, wie meine Gäste trinken und plaudern, als hätte sich nichts verändert.

»Schön, dass wieder geöffnet ist«, ruft John Hadley mir zu, nimmt seine Mütze ab und zieht sich einen Stuhl unter einem Tisch am Fenster hervor.

Mary Sanders und Barbara Ackermann sitzen zusammen und unterhalten sich lebhaft. Die eine ist pummelig und gedrungen, mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, die andere winzig, schmal und nervös. Mary winkt in meine Richtung. »Bitte noch zwei Cappuccinos, Ellie.«

Ich gieße kalte Milch in eine Kanne und halte sie unter den Wasserdampfstrahl. Die Flüssigkeit gurgelt und schäumt. Für einen perfekten Cappuccino muss die Milch auf sechzig bis siebzig Grad erhitzt werden. Ich rühre die obere Schicht um und schlage seitlich an die Kanne, um mögliche Blasen zu beseitigen. Dann mache ich zwei Espressos, gieße die Milch hinein, gebe Kakaopulver darauf und verstreiche es zu zwei Herzen.

William ist tot.

Mein Mann hatte eine Affäre.

Diese Gedanken sind in meinem Kopf, scheppern wie Schlagzeugbecken. Irene Morris steht am Tresen, blickt skeptisch durch ihre Brillengläser und versucht sich zu entscheiden, ob sie einen Müsliriegel zum Mitnehmen kaufen soll. Ich beachte sie nicht weiter. Stattdessen sehe ich Kate zu, wie sie zu Marys und Barbaras Tisch geht und sich vorbeugt, um ihnen die Tassen hinzustellen. Ich beobachte, wie sie mit einer Hand hinter sich greift, um am Saum ihres sehr, sehr kurzen Rocks zu zupfen. Sie hat die schlanken, muskulösen Beine eines Mädchens, das früher mal Volleyball gespielt hat und heute die Donnerstagabende mit Jive-Tanzen verbringt.

Kate konnte es nicht sein, oder doch? Sie trägt lila Lidschatten und dicken schwarzen Eyeliner, der seitlich zu einem Kleopatra-Lidstrich verlängert ist. Ihr Kleidungsstil und ihr schrilles Make-up hätten William eher Angst gemacht und wären ihm fremd gewesen.

Kate dreht sich um und ertappt mich dabei, wie ich sie anstarre. Sie lächelt mir fröhlich zu. Ihr roter Lippenstift glänzt. Ich schäme mich. Natürlich war Kate nicht die andere. Das hätte sie mir niemals angetan. Außerdem waren unter den Sachen in der Tasche keine Glitzertops oder winzigen Röcke gewesen.

Ich hatte die Tasche mitsamt dem Inhalt weggeworfen, alles in einen Müllsack gestopft und ganz unten in die Tonne geschmissen. Mir war übel geworden, als die Sachen meine Haut berührten. Sie hatten sich in meinen Fingern verfangen, wo sie einen schwachen Geruch von Parfüm und Leder hinterließen. Die Kleider ekelten mich an, stießen mich ab. Als ich den Deckel zuknallte, war mir ein Gedanke gekommen, der mich für eine Sekunde lähmte: Hatten diese Sachen ihm gehört? War William ein Transvestit gewesen? Ich hatte laut gelacht. Ein zittriges Lachen. Die Vorstellung war sogar noch lächerlicher gewesen als die, dass mein Mann ein Verhältnis gehabt hatte. Keines der Kleidungsstücke hätte ihm gepasst. Sie waren alle in Größe sechsunddreißig.

Ich schließe die Augen. Wer sie auch sein mochte, es zu wissen, würde mir nicht helfen. Ich muss nach vorn blicken. Was für ein dummes Klischee. Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll. Warum war die Tasche bei uns zu Hause gewesen? Hatte er diese Frau dorthin mitgenommen, in unserem Bett mit ihr geschlafen? Das war unvorstellbar. Ich kann nicht mit all diesen offenen Fragen weiterleben. Allerdings werde ich ohne William auch nie die Antworten erfahren.

Die Türglocke bimmelt, und ich sehe auf, als Brigadier Bagley hereinkommt. Nur ist dies nicht der Ex-Militär, den ich kenne: der Mann mit der Times unter dem Arm, der selbstbewusst dahinschreitet, makellos in seinem Tweedanzug. Dieser neue Brigadier stolpert über die Schwelle und sinkt auf den nächsten Stuhl, wobei er um sich tastet, als wäre er erblindet. Sein Teint ist wächsern. Ich eile hin und hocke mich neben ihn. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

Er schließt die farblosen Augen und schüttelt den Kopf.

»Soll ich Dr. Waller rufen?« Kate beugt sich zu dem Brigadier. »Haben Sie Schmerzen in der Brust? Kribbeln Ihre Finger?«

Er blickt verständnislos auf.

»Was ist los?« Ich berühre seinen Arm.

»Ich komme gerade von den Mallorys.«

Ich bemerke, dass Mary und Barbara hinter mir verstummt sind und das Drama beobachten. Kate geht weg und kommt mit einem Glas Wasser zurück, das sie auf den Tisch stellt. Der Brigadier hebt es an seine Lippen und trinkt einige Schlucke.

Kate sieht mich über seinen Kopf hinweg besorgt an.

»Es ist Henrietta …« Er reibt sich die Schläfe. »Ich kann es nicht fassen. Ich kenne sie, seit sie ein Baby war. War bei ihrer Taufe dabei.«

»Ist etwas passiert?«, fragt Mary streng.

Sie und Barbara haben ihre Kaffees stehengelassen und sind zu uns gekommen.

»Krebs«, sagt er so leise, dass ich ihn kaum hören kann.

»Wie schrecklich.« Kate hält sich eine Hand vor den Mund.

»Das muss nicht das Ende der Welt sein. Ist sie im Krankenhaus?« Barbara hat selbst eine Krebserkrankung überlebt. »Können sie operieren … sie behandeln?«

Ich ziehe mich aus der Wirklichkeit zurück. Noch mehr Entsetzliches ertrage ich nicht. Brigadier Bagleys Kinn geht in Ziehharmonikafalten in seinen Hals über. Seine Finger auf dem Tisch zittern. »Sie haben es nicht rechtzeitig entdeckt. Sie wird zu Hause gepflegt. Man kann nichts mehr tun.«

Diese Kopfschmerzen. Ich erinnere mich, dass David mir erzählt hat, er bestünde darauf, dass sie zu einem Spezialisten ginge. Ungefähr eine Woche vor Williams Unfall hatte ich sie kurz gesehen; sie war am Ententeich auf dem Dorfplatz vorbeigefahren und hatte mir zugewunken. Da hatte sie eine große Sonnenbrille getragen, das Gesicht von perfekt in Form geföhntem Haar umrahmt, ähnlich Jackie Onassis in späteren Jahren.

Ich kann nicht glauben, dass dies hier geschieht. Henrietta schien so gesegnet, so geschützt in ihrer goldenen Welt. Für mich war sie jemand, dem die gewöhnlichen Tragödien, die hässlichen, grausamen Dinge des Lebens nichts anhaben konnten.

Ich backe einen Madeira-Kuchen und pflücke einen Blumenstrauß in meinem Garten. An der Einfahrt von Langshott Hall drücke ich den Türöffner. Hohe Metalltore schwingen auf, und der Kies knirscht, als ich mich die gewundene Zufahrt zu dem georgianischen Haus hinaufbegebe. Bisher war ich nur zu offiziellen Anlässen hier, wenn alles hell erleuchtet war, David an der Haustür stand, um seine Gäste zu begrüßen und das Klirren von Gläsern zwischen dem leisen Gemurmel höflicher Konversation in der Abendluft hing. Jetzt wirkt es seltsam verlassen. Ich stehe vor der massiven Haustür und betätige den Messingklopfer. Die Pfingstrosen, die ich heute Morgen geschnitten habe, hängen über meine Hände; die Berührung ihrer kühlen, seidigen Blütenblätter hat etwas Beruhigendes. Ich bemerke, dass ich nervös bin.

Ein dunkelhaariges Mädchen öffnet mir und nimmt meine Geschenke mit einem dankbaren Nicken entgegen. Sie stellt sich nicht vor. »Mr. Mallory, er ist nicht zu Hause.«

Ich empfinde eine verstörende Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung, als ich auf der Türschwelle stehe. Innerhalb der hohen Räume ist es still. Neben dem Geruch von Bienenwachs und Hund nehme ich jene säuerlich beißende Note von Krankheit wahr, die Kombination von welken Blumen, Desinfektionsmittel und ungelüfteten Zimmern.

Auf dem Weg nach Hause erinnere ich mich, wie ich mehrere Handvoll Erde auf den Sarg meines Mannes geworfen habe, und ich fürchte, jetzt wird David bald dasselbe bei seiner Frau tun müssen. Dabei ist es gar nicht lange her, dass keiner von uns ahnte, welche Katastrophen im Verborgenen lauerten, darauf wartend, uns wie hungrige Wölfe anzuspringen.

Die Nachricht von Henriettas Tod kommt nur drei Wochen später. Das Dorf steht unter Schock. Tragische Ereignisse bewirken einen gierigen Appetit auf Trostessen, und das Old Dairy ist jeden Tag gerammelt voll. Ich komme kaum hinterher, so groß ist die Nachfrage nach Schokoladenkuchen und Vanilletörtchen.

Die Mallory-Familie hält eine kleine Trauerfeier im engsten Kreis ab. Henriettas Leiche wird verbrannt und ihre Asche auf dem Land verstreut, das sie geliebt hat. Doch als wenige Tage später der Trauergottesdienst...