Ein Augenblick für immer

von: Gabriele von Braun

Bastei Lübbe AG, 2018

ISBN: 9783732551422 , 310 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 4,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Ein Augenblick für immer


 

1


»Für jeden Schneckenfreund die passende Schnecke –- die Schneckenwochen im Backhaus König. Ein noch dämlicherer Claim für die Aktion ist euch wohl nicht eingefallen? Warum muss ich mich überhaupt mit diesem Mist herumärgern?«, knurre ich ins Telefon. Mein Blick wandert über den Flyer-Entwurf, hin zu einer allzu niedlichen Schnecke mit riesigen Kulleraugen und langen Wimpern, die an verschiedenen Obstsorten vorbeikriecht. »Tommi, was soll diese Grafik? Fehlen nur noch dicke Schneckenbrüste. Sexismus at its best! Was für ein Dreck!«

»Charlotte, reg dich ab! Das Briefing kam von euch, von Herrn Zimmermann«, sagt Tommi.

Tommi und ich kennen uns schon ewig. Mein Vater hat seine kleine Werbeagentur vor Jahren für unser Backhaus König engagiert.

»Der Zimmermann! Diesen Typen mit Marketingaufgaben zu betrauen, hätte ich mir besser sparen sollen. Bloß gut, dass mein Vater das nicht zu Gesicht gekriegt hat.«

»Jetzt sei nicht so hart, der arme Mann ist doch erst seit einem Monat dabei.«

»Nachsicht finde ich in diesem Fall völlig unangebracht. Er hätte es mir zeigen sollen, bevor er dir die Freigabe erteilt. Der kann was erleben!« Unruhig rutsche ich in meinem Schreibtischsessel hin und her.

»Deswegen habe ich es dir ja geschickt. Ich war mir auch nicht sicher.«

»Alles muss man alleine machen! Der Flyer geht Montag früh in Druck. Was für ein Glück, dass du mich so gut kennst.«

»Für mich ist das nicht immer ein Glück. Aber ich schenke dir gern an einem Samstag meine wertvolle Zeit.«

Ich seufze. »Tommi, du bist nicht der Einzige, der heute arbeiten muss.«

»Schon gut, ich hätte mich sonst eh nur gelangweilt. Was willst du haben?«

»Lass mich kurz überlegen.« Ich krakele mit meinem Montblanc-Füller auf ein weißes Blatt Papier. »Der Begriff ›Schneckenwochen‹ ist leider seit Jahren gesetzt, da kommen wir nicht drum herum …«, murmle ich. In den sogenannten ›Schneckenwochen‹ bieten wir von der Streusel- über die Heidelbeer- oder Pudding- bis zur Rhabarberschnecke alle möglichen Sorten dieses Süßkrams an. »Gut, schreibe: ›Die majestätische Schneckenparade – Schneckenwochen im Backhaus König‹. Dann muss noch mit rein, dass drei köstliche Schnecken nur 3,33 Euro kosten. Und nicht zu vergessen: ›Wir backen, was Sie begehren‹. Setz der Schnecke eine Krone auf, mach die Augen kleiner und reiß ihr die Wimpern aus.«

»Zu Befehl. Aber ich weiß nicht, ob …«

»Tommi, so machen wir das jetzt!«

»Charlotte, du treibst mich noch in den Wahnsinn. Aber gut, bei den vielen Schneckenfreunden da draußen wird die Aktion bestimmt wieder ein Selbstläufer.«

Ich grinse. »Ja, das denke ich auch. Schnecken gehen immer.«

»Äh, und mit dem Claim bist du dir wirklich sicher, ja?«

»Keine Diskussion mehr!«

»Du bist die Chefin. Ich schicke dir den fertigen Entwurf nachher rüber.«

»Ich danke dir, bis dann.«

Ich zerknülle das vollgekrakelte Blatt Papier und pfeffere es in den Papierkorb.

Das Backhaus König wurde kurz nach dem Ersten Weltkrieg von meinem Urgroßvater eröffnet. Er hat sich damals hier in Hamburg einen Traum erfüllt, an dessen Fortbestand die nachfolgenden Generationen teilhaben dürfen. Müssen. Im Alter von siebenunddreißig Jahren stieg ich, Charlotte Hansen, geborene König, an die Spitze des Familienunternehmens auf. Das ist jetzt knapp drei Jahre her. Mein Vater hat sich damals nach einer Prostatakrebs-Erkrankung entschieden, sich zurückzuziehen. Aber das Loslassen ist nicht so seine Sache. Er mischt entweder von der fernen Insel Sylt oder auch hier von Hamburg aus rege mit. Für ihn – und zwangsläufig für mich auch – war seit meinem ersten Schrei klar, dass ich eines Tages ins Familienunternehmen einsteigen würde. So habe ich nach der Schule zunächst eine Bäckerlehre gemacht und anschließend BWL studiert.

Neben unserer Hauptfiliale, die sich seit über dreißig Jahren im gleichen Haus befindet wie die Büros, haben wir neunundvierzig Geschäfte, fünf in Hamburg und die weiteren Filialen über das nördliche Schleswig-Holstein verteilt. Mit über vierhundert Mitarbeitern und einer top ausgebauten Produktionsstätte am Rande der Hansestadt kämpfen wir jeden Tag aufs Neue gegen all die Aufbackstationen in den Discountern und Supermärkten an. Hauptsache billig, von Jahr zu Jahr wird das Geschäft schwieriger, da können wir noch so sehr auf Qualität setzen. Zudem poppen ständig interne Probleme auf. Ob ein hoher Krankenstand oder Hygienemängel – irgendwas ist immer.

Ich trinke angewidert meinen kalten Kaffee aus und überfliege den neuen Vertrag mit einem Zulieferer, unterschreibe diverse Schriftstücke und gehe dann runter ins Geschäft. Samstags haben wir bis dreizehn Uhr geöffnet. Ich schaue auf die Uhr, eine knappe Stunde bis Ladenschluss. Es herrscht noch immer reger Andrang, die vier Verkäuferinnen haben gut zu tun. Mein Blick bleibt an Frau Wildmann hängen. Sie ist Anfang sechzig und schon seit über dreißig Jahren Verkäuferin bei uns. Heute gefällt sie mir gar nicht. Kaputt sieht sie aus, ihr Teint ist so fad wie Mehl und ihr Blick grimmig. Wie ein Schatten stelle ich mich hinter sie. Sie dreht sich kurz zu mir um, während sie das letzte glutenfreie Hafer-Hirse-Walnussbrot in eine Papiertüte steckt.

»Liebe Frau Wildmann, ich weiß, dass es anstrengend ist. Geht es trotzdem ein bisschen freundlicher?«, raune ich.

»Aber … aber …«

»Nur noch eine knappe Stunde, dann haben Sie es geschafft!«

Eine Kundin reicht Frau Wildmann Kleingeld über den Tresen. Ich lächle falsch. Ich habe genug. Ich nicke den anderen Verkäuferinnen zu und mache, dass ich wegkomme.

Mein Magen knurrt vor Hunger. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und lege einen Zwischenstopp bei meinem Lieblings-Deli ein, wo ich eine Maishähnchen-Roulade verschlinge. Gut gesättigt radle ich entlang der Binnenalster über den Neuen Jungfernstieg bis zur Außenalster nach Harvestehude. Dort lebe ich mit Claas, meinem Mann, in einer geräumigen Fünf-Zimmer-Altbauwohnung.

Claas und ich sind seit elf Jahren verheiratet. Manchmal kann ich selber kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Aus einer früheren Beziehung hat er einen sechzehnjährigen Sohn, Julius. Er lebt bei seiner Mutter in Hannover, aber einmal im Monat verbringt er das Wochenende bei uns. Unser Verhältnis ist nicht gerade von Herzlichkeit geprägt. Julius ist kein Pubertier, sondern ein fieses Pubermonster. Er tyrannisiert mich, wo er nur kann. Leider ist er an diesem Wochenende wieder zu Besuch. Aber von dem Gedanken an meinen hormongesteuerten Stiefnachwuchs lasse ich mir diesen wunderschönen Frühsommertag nicht kaputt machen. Die Sonne lugt hinter ein paar friedlichen Schäfchenwolken hervor, die sicher noch nie »Eybitchbistnichtmeinemutter« genuschelt haben.

Die Vögel zwitschern ausgelassen, und die Menschen, an denen ich vorbeifahre, sind im entspannten Wochenendmodus. Die haben es gut! Ein warmer Wind fährt mir durch die Haare. Die Hansestadt zeigt sich heute wirklich von ihrer schönsten Seite. Ich merke, wie sehr mir die vergangene Woche in den Knochen steckt, es ziept überall, und ich bin völlig erschöpft. Das ist quasi ein Dauerzustand bei mir. Am liebsten würde ich gleich ein Nickerchen machen. Aber das kann ich vergessen, wenn das Pubermonster zu Besuch ist.

Zigarettenrauch schlägt mir entgegen, als ich die Wohnungstür aufschließe. Wie ich das hasse!

Ich lasse meine Sachen auf den graugrünen Vintage-Zweisitzer von Ligne Roset fallen, der rechts neben der Tür in unserem großzügigen Entree steht, und registriere das Pochen meiner Halsschlagader. Reg dich nicht gleich wieder auf! Das ist leicht gesagt. Ich lasse meinen Blick über die Wand gleiten. Erst letztes Wochenende habe ich die Bildersammlung neu sortiert, nun in Petersburger Hängung. Dicht an dicht drängen sich die Rahmen mit Sprüchen und Schwarz-Weiß-Fotografien. Ein Neuzugang ist die motivierende Lebensweisheit C’est la fucking vie, die nun neben Happiness is the smell of a bakery hängt, einem Geschenk von Claas anlässlich meines Aufstiegs zur Chefin. Genug nicht aufgeregt! Ich falle ins Wohnzimmer ein.

Claas sitzt mit einer Flasche Bier in der Hand im Sessel, seine Beine liegen auf dem Tisch. Über den Fernsehbildschirm flimmert ein Fußballspiel.

»Es ist halb drei! Was soll das hier?«, töne ich. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen.

»Ach, Charlotte, hallo. Schön, dass du da bist.« Unbeeindruckt hebt er seine Hand zum Gruß.

»Wenn du schon unbedingt rauchen musst, dann auf dem Balkon, verdammt! Wie oft hab ich dich darum bereits gebeten?« Demonstrativ reiße ich ein Fenster auf.

»Entspann dich, Charly! Es war nur eine, aufs Wochenende sozusagen.«

»Draußen ist so schönes Wetter, und du machst hier einen auf Couchpotato! Wo ist eigentlich Julius?« Glaubst du, deine Schimpftirade macht irgendetwas besser?

»Charly, es ist Wochenende! Komm, setz dich. Möchtest du was trinken? Ein Glas Wein oder Champagner? Wir haben auch noch einen Rest Crémant im Kühlschrank.«

»Was solls, dann nehme ich ein Glas von dem, was wegmuss.« Widerwillig setze ich mich auf den flauschigen Teppich.

Claas verschwindet in der Küche und bringt mir ein Gläschen von dem Schaumwein. »Danke. Auf das Wochenende!«, sage ich.

»Zum Wohl, meine Liebe!« Claas prostet mir mit seiner Bierflasche zu.

»Wo ist denn nun dein reizender Sohn?«

»Er ist mit einem Freund verabredet und kommt erst heute Abend wieder.«

»Na, da habt ihr beiden ja...